Helmut Neundlinger
TAGDUNKEL

Gedichte
März 2011
92 Seiten / 118x183
ISBN 978-3-9502828-5-6
Preis: EUR 19,80
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TAGDUNKEL / Helmut Neundlinger

Die Gedichte des Lyrikbandes „tagdunkel“ nehmen die Sprache dort auf, wo sie scheinbar am nacktesten dem Alltagsmund entfährt: in den Redewendungen, den rhetorischen Tagesresten und vermeintlichen „Nebenwörtern“ jener Sprechakte, in deren Zwischen- und Untertönen sich die Sehnsüchte und Ängste des Subjekts ablagern. Wenn dieses Ich nicht gerade mit sich selbst über seine innere Dunkelheit verhandelt, dann richtet es sich – auf beredte Weise „nichts sagend“ – an ein namenloses „Du“, erhält Nachrichten von Schlingensief oder einem toten Fußballspieler aus Kamerun. Der Schlaf spielt eine so zentrale Rolle, dass er akribisch gesammelt wird, und Wettbüros erweisen sich als Zufluchtsorte nicht gelebter Träume und unausgesprochener Tragödien.

 

Textprobe:

vom christentum
war lang nicht mehr die rede
    so schlingensief
    zu trier
und doch hält es
hin und wieder
einzug unter mein dach

sein geruch macht sich breit
es ist der von getrocknetem holz
gemischt mit dem von feuchter erde
er ist mir heillos fremd

es ist
als wollte er mich betäuben
entführen und mitreißen
in einen zustand
von dem ich nicht mehr weiß
wie er geht

von trier aber wurde bleich
als hätten die worte ihm eben
den glauben
selbst an das böse
auf immer und ewig
ausgetrieben

 

Rezensionen:

Anders ausgedrückt, wer sich für einen reflexiven Umgang mit Sprache interessiert, stößt in „tagdunkel“ reichlich auf Stoff. Dem in Oberösterreich aufgewachsenen und in Wien lebenden Autor gelingt der Spagat zwischen seinen persönlichen Empfindungen und metasprachlichen Überlegungen. (...) Der Grundton der Gedichte ist ein nachdenklicher, so handelt ein Kapitel vom Tod Christoph Schlingensiefs. Neundlinger gibt aber auch einiges von sich preis, ohne dabei die Hose runterzulassen. (...) Starke lyrische Dribblings eines Debütanten!

reisch, Augustin Nr. 300, 15. - 28. Juni.2011

 

Der Autor hat ein feines lyrisches Gehör. Er löst die Unter- und Zwischentöne aus dem Gesamtklang der Sprache und konnotiert sie neu, um Ängste, Atemlosigkeiten, Panikrituale und Sehnsüchte, die in den Versen mäandern, herauszulösen und ihnen anders Stimme zu geben: „aber sprich nur ein wort/ und mein mal verschwindet/ mit einem mal“. (S.8.) (...)

Der Autor schreibt leichtfüßig, geradezu tänzelnd. Es geht ihm nicht um bedeutungsschwangere Verse, die niemand verstehen würde, sondern um das Ausloten der Möglichkeiten unserer Sprache. Aus der Ferne klingen – selbstverständlich ohne Plagi-Art, der neuen Kunst der Phantasielosen und Unkreativen – als Schattenzitate, nicht einmal als Relektüre, Paul Celan, Gertrude Stein und auch James Krüss an.
Helmut Neundlinger ist mit seinen Gedichten Berichterstatter: „wir verurteilen uns/ zur immerwährenden/ gegenseitigkeit“ (S.24) und fängt manches Schnappen der Beobachteten ein, um es in eine Gedichtzeile einzufügen. „du sprichst schneller als dein/ mund“ (S. 48). (...)

Neundlingers verschlafene Neologismen klingen witzig und heißen „gastschlafbeitrag, gastschlafliste, schlafmaschine, schlafsammler und schlafversatzstücke“ (S.62ff.). Sogar die „oberösterreichische sexualität“ (S.65) mischt sich in den Schlaf.
Der Autor kann auch aphoristisch sein, wenn er mit der Sprache spielt: „endlich bei tisch/ bestreiche ich zubrot mit/ worauf es ankommt“ (S.19). Dieser Lyriker kann überhaupt einiges. Er ist im „bleistiftgebiet“, im „bleistiftterritorium“ (S.76) heimisch. Beschleichen kann ihn „leibhaftiges zittern/ bis der wahnsinn/ dem verstand/ das licht auslöscht“ (S.37). Und manchmal wartet Helmut Neundlinger im Gedicht, dass es wieder „tagdunkel“, dass es still wird.

Janko Ferk, Buchmagazin Literaturhaus Wien, 28. April 2011

 

Informationen zum Autor: 

Helmut Neundlinger


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