Richard Wall
CONNEMARA. IM KREIS DER WINDE

Prosa
März 2011
288 Seiten / 118x183
ISBN 978-3-9502828-6-3
Preis: EUR 24,20
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CONNEMARA. IM KREIS DER WINDE / Richard Wall

Im Westen Irlands, im Süden Connemaras, hat Richard Wall so etwas wie eine zweite Heimat gefunden. In seinen Erinnerungen taucht er tief ein in die Natur und Kultur dieser Region, in die irische Sprache, in die Tradition von Dichtung und Musik. Der Leser begibt

sich mit ihm auf Bootsfahrten hinaus auf den Atlantik und begegnet Menschen dieser Region, Individualisten allesamt, Überlebenskünstler. Exkurse in die irische Geschichte runden diese Rückschau, die wieder einmal beweist, wie welthaltig ein auf den ersten Blick unscheinbarer Ort fernab der Zentren werden kann, wenn man genauer hinsieht, den Stimmen lauscht und kenntnisreich jene Spuren verfolgt, die einer Landschaft eingeschrieben sind. Eine zusätzliche erzählerische Dimension eröffnen Schwarz-weiß-Fotos und Dokumente aus 35 Jahren.

 

Textprobe:

Connemara. Teil der Grafschaft Galway. „Con-ne-ma-ra!“ – Während bei der ersten Silbe die Zunge gegen Gaumen und Oberkiefer drückt, wie um einen Kiesel zu umschließen, öffnen die folgenden Vokale Kiefer und Lippen; klingt an, vor allem im a, die Weite eines Raumes, der keine festen und gesicherten Grenzen kennt zwischen Land und Meer, zwischen den Tälern und Höhen der Gebirge und dem Rollen des Atlantiks. Allein der Klang des viersilbigen Namens vermittelt vielleicht schon einen Ahnung vom Charakter dieser Landschaft; vor allem aber ist er ein Echo aus der Vergangenheit, denn der Name leitet sich ab von Conmaicne Mara, einem Stamm der Conmaicne, die „am Meer“ lebten, vor über tausend Jahren, Nachfahren eines keltischen Helden: Conmac war der Sohn von Maeve und Fergus, aber das spielt heute keine Rolle mehr, der Clan wurde ausgelöscht von den „ferocious O’Flahertys“, was von ihnen blieb ist der klingende Name: Con-ne-ma-ra. 

 

Rezensionen:

Dass ausgerechnet der Mühlviertler Richard Wall zum literarischen Reiseleiter durch Westirland wird, ist kein Zufall. Das liegt nicht nur am Granit, der hier wie dort in der Sonne glitzert – hart und von spröder Schönheit. (...) Richard Wall gelingt es in bewundernswerter Weise, das Ineinander von Natur, Arbeit, Geschichte und Mythos zu veranschaulichen, das dieser Kultur ihre besondere Ausprägung gegeben hat. Er schildert die Herausforderungen des Klimas und erzählt vom Lebenswillen und Freiheitsstreben der Bewohner, die sich auch in politischen Konflikten entladen haben. Und immer wieder kommt Wall, der Dichter, auf die Sprache zu sprechen. Er versteht sie nicht als bloßes Werkzeug der Kommunikation, sondern – im Anschluss an einen anderen Irland-Reisenden, den Philosophen Ludwig Wittgenstein – als Teil einer Lebensform, als Ausdruck der Selbstbehauptung gegen ein Umfeld, das auf die vermeintlich rückständigen Fischer und Bauern arrogant herunterschaut.

Wall führt oft gälische Ortsbezeichnungen an und erklärt deren Herkunft und Bedeutung, weist auf den Widerstand gegen den Kulturimperialismus des Englischen hin und würdigt Dichterkollegen, die Werke in irischer Sprache geschrieben haben. Unter anderem erzählt er von einer berührenden Begegnung mit dem Lyriker Pearse Hutchinson.

Richard Wall ist Wort- und Bildkünstler, und so ist es nicht verwunderlich, dass er Sprache und Bild besonders in der Naturschilderung gern als Metapher zusammenführt. „Durch die Löcher im Mantel aus saurem und sumpfigem Boden quillt überall das Unterfutter: blanker, von den Eiszeiten polierter Granit.“

Christian Schacherreiter, Oberösterreichische Nachrichten, 14.12.2011

 

Unzählige  Exkurse zur dort noch eine Rolle spielenden ursprünglichen Sprache der Bewohner und zum geschichtlichen Skandal einer sich durch die Jahrhunderte ziehenden Unterdrückung durch die Engländer zeigen, daß es Richard Wall bei seinen Irlandreisen von Beginn an um sehr viel mehr als um die gängigen Motive von Urlaubsabenteurern aller Art gegangen ist. Sein Interesse an den Erscheinungen der Natur in einem überaus rauhen Klima ebenso wie seine Kenntnisse, was Sprache und geschichtliche Entwicklungen betrifft, prägen dieses Buch, welches eine weitgehend übersehene Region am Rande Europas näherbringen will.

Erwin Einzinger, Literatur und Kritik 455/456, Juli 201

 

Walls Empathie, seine klare, anschauliche Sprache, seine Fähigkeit zu unaufdringlicher Gelehrsamkeit sind ein Vergnügen. Man glaubt, wovon er berichtet, vor sich zu sehen (freut sich aber über die Fotos), man riecht und spürt Tang und Gischt und den Rauch des Torffeuers, folgt seinem Blick aus dem Küchenfenster, von dem er ausgeht, den er immer wieder nach draußen richtet, teilt seinen Unmut über einen törichten Dorfpfarrer, der die Büsche um seine Kirche roden lässt, um Parkplätze zu schaffen, freut sich über stoische Junggesellen und zähe Witwen, über den Zeitvorrat, der ihnen nicht knapp zu werden scheint, wundert sich über die Hartnäckigkeit, mit der sie an ihrer unprofitablen Lebensweise festhalten, nimmt sogar die Risswunde in Kauf, die das Bierglas eines eifersüchtigen Barkeepers auf der Stirn des Verfassers hinterlässt, verfällt aber nicht dem Missverständnis, die verschwindende Epoche für die bessere zu halten: Wall ist kein Apologet des entbehrungsreichen Lebens, gegen eine zerstörerische oktroyierte Zivilisation gesetzt.

Wenn er, nicht ohne Wehmut, einen Schritt zurück macht, dann nur, um die Gegenwart zu erkunden, auch um die Knoten und dünn gescheuerten Stellen der irischen Geschichte zu finden, an denen sie einen anderen, günstigeren, gerechteren Fortgang hätte nehmen können. Er zitiert den 1988 verstorbenen Dichter Máirtín Ó Direáin, dessen lyrische Aufforderung, „die Funken deiner Vision zu schüren“, denn: „Die Trennung von ihr ist der Tod“. Auch so ließe sich dieses ausnehmend schöne, liebevoll gestaltete Buch charakterisieren: als eine lange prägnante Prosaübersetzung von Ó Direáins Versen.

Erich Hackl, Die Presse, 16.07.2011

 

Die Frage, was ihn, den Binnenländer, an diesem entlegenen Landstrich fasziniert, erübrigt sich nach der Lektüre dieses poetischen Berichts, der vieles in einem ist: ein brauchbarer Wanderführer; ein ebenso nützliches Geschichtsbuch, das seine Sympathie für die nicht nur von Stürmen, sondern auch vom britischen Kolonialismus zerrupften Fischer und Kleinbauern offenbart; ein Abriss der irischen Sprache, Literatur und Musik; eine archäologische, dabei unvergleichlich lebendige Studie über Gerätschaften, Tätigkeiten und soziale Beziehungen, die dem herrschenden Ökonomismus zu erliegen drohen; ein heimliches Selbstporträt insofern, als sich die Seelenlage des Autors in der gleichzeitig nüchtern und emphatisch geschilderten Umgebung zu spiegeln sc

Wall gelingt das Kunststück, zwei einander ausschließende Impulse bei der Annäherung an eine fremde, dann zunehmend vertraute, schließlich innig geliebte Umgebung zusammenzuführen: je nach Bedarf »das Ruder in der Strömung treiben lassen« oder sich »fest in die Riemen zu legen«.

Erich Hackl, Neues Deutschland, 08.07.2011

 

Für unvergleichliche Dinge muss man einen unvergleichlichen Erzählstil schaffen. (...) Als bildender Künstler ist Richard Wall mit dem Formen von Wirklichkeit vertraut, so sieht er einmal Wellen und denkt an die Arbeitsweise Corbusiers, wie sich durch kräftiges Gipsen daraus Skulpturen schaffen lassen. An Wittgenstein geschult, der in dieser Gegend der Erkenntnis reichlich Gedanken ausgebrütet hat, entwickelt Richard Wall durch Sehen, Sprechen, Lernen, Zuhören und Reisen mit allen Gelenken einen Kultur-Zustand, der dem Leser auf Anhieb einleuchtet. Neben scharfen Sprachfetzen der Gegend, der Vorstellung von standfesten Einheimischen und Skizzen zu verschiedenen Witterungseskapaden sind es vor allem die historischen Einsprengsel, die das Land zu etwas Handfestem machen. (...)
Als Leser ist man hingerissen von diesem Landstrich am Ende der EU-Welt, man ist bekifft von der Sprache, die der Autor in kleinen Portionen in die Zeilen tröpfeln lässt, man liegt im Kreis der Winde, umgeben von alten Mythen und vom Leben verschmitzten Typen. Richard Wall hat einen neuen Erzählstil entwickelt, skulpturistisch, performativ, connemarisch!
Helmuth Schönauer, Universitäts- und Landesbibliothek Innsbruck, 8.Juni 2011

 

Informationen zum Autor:

Richard Wall

 

 

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