Alfred Gelbmann
...UND VERMUTLICH LIEGT DA IRGENDWO MEIN KÖRPER. ABER WAS NÜTZT DAS?

Essay / Reihe:
Reden über das Schreiben
15. Februar 2015
160 Seiten / 118x183
ISBN 978-3-9503157-3-8
Preis: EUR 22,00
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.....UND VERMUTLICH LIEGT DA IRGENDWO MEIN KÖRPER. ABER WAS NÜTZT DAS? / Alfred Gelbmann

 

 

                                                 „Ich bin, und wenn ich Lust dazu

                                                 verspüre, denke ich vielleicht.“ 

 

 

Reden über das Schreiben ist nicht weniger ein Reden über das Lesen. Wer schreibt, liest zugleich und wer liest, schreibt am Gelesenen mit. Es ist ein offener, ein unabschließbarer Prozess, der unaufhörlich auf sich zurückverweist. Wie die Schrift mit ihrem Grund, wie die Stimme mit dem Äther, der sie trägt, sind Lesen und Schreiben unlösbar verbunden.

 

Unvermittelt stehen die fünf Aufsätze in diesem Band im ersten Moment etwas befremdlich nebeneinander. Was sie verbindet, ist der Versuch, über eine andere Lesart, dem Widerlesen, eine verborgene Wirklichkeit der Literatur zu entdecken, die bei einer cartesianischen, vornehmlich sinnsuchenden Lesart nicht entborgen werden kann.

 

Im titelgebenden Aufsatz …und vermutlich liegt da irgendwo mein körper. aber was nützt das? führt der Autor vor, wie ein Roman Konrad Bayers verstanden werden kann, der nicht verstanden werden will.

Der zweite Aufsatz Heute lese ich die Wiener Genesis zeigt, wie eine byzantinische Handschrift aus dem frühen 6. Jahrhundert gelesen werden kann, die aus konservatorischen Gründen gar nicht gelesen werden kann. 

„…weshalb wir uns [nicht] mit der Feststellung des Umstandes begnügen: er war ein Stimmungsmensch.“ geht der Frage im Roman Sönder von Henry Parland nach, welchen Einfluss der Stimmungsgehalt eines Textes auf den (proust`schen) Erinnerungsprozess nimmt.  

Im vierten Aufsatz Was ist das eigentlich Böse, wenn vom Bösen die Rede ist wird eine formalästhetische Analyse des Bösen in der Kleist Novelle Der Findling einer stimmungsorientierten Lesart mit einem erstaunlichen Ergebnis gegenübergestellt. 

In Karl Lagerfeld! Gib dem Meer die Wellen zurück! nimmt sich der Autor vor, der Stimmung der natürlichen Künstlichkeit in einer Foto-Text-Serie von Karl Lagerfeld frei nach dem Roman Wellen von Eduard von Keyserling auf die Spur zu kommen

 

Aus dem Vorwort:

 

Mit der Metapher Geschichte gegen den Strich bürsten begegnet Walter Benjamin einem erstarrten historischen Determinismus und verbindet damit eine Denkbewegung, die Verborgenes im Unscheinbaren zum Vorschein bringen soll. Theodor W. Adorno empfiehlt, Hegel gegen den Strich zu lesen, das System der Lektüre zu sprengen, um dem Unverständlichen (skoteinós) auf die Spur zu kommen. Mit dem Begriff der Präsenz in der aktuellen literatur- theoretischen Debatte verbindet Hans Ulrich Gumbrecht eine Lektüre gegen den Strich einer dominant cartesianischen Denktradition. Er plädiert für ein stimmungsorientiertes Lesen, das in die Sphären einer verdeckten Wirklichkeit vorzudringen verspricht. Diese Lesart führt, wenn man sich darauf einlässt, zu einem neuen Verständnis von Verstehen. Für einen nur kurzen, flüchtigen Moment setzt noch vor der Erfassung der inhaltlichen Bedeutung, also vor der Sinnerfahrung, ein Zustand intensiver körperlich-sinnlicher Wahrnehmung ein. Präsenz ist ein diffuses, kein den Leseakt stabilisierendes Phänomen. Es eröffnet ein entzeitlichtes, mit logischen Denkkategorien nicht fassbares Faszinosum, wie es bei einer vornehmlich sinnsuchenden Lektüre nicht zutage tritt. Mit dem Präsenzbegriff stellt sich dem hermeneutischen Imperativ einer bedeutungsorientierten Lektüre ein aisthetisches Erfahrungsmodell entgegen.

 

 

 

Informationen zum Autor:
Alfred Gelbmann

 

 

 

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